Digitalzwang im Alltag: Wo Menschen ausgegrenzt werden II

Beispiel III: Supermärkte und Papier-Prospekte für Angebote

Am 1. Juli ging für Rewe und für den deutschen Einzelhandel, wie das Unternehmen selbst in einer Pressemitteilung schreibt, eine Ära zu Ende. Deutschlands zweitgrößte Supermarktkette verabschiedet sich vom Papier-Prospekt, der zuvor in Tausende Haushalte ging und in den Märkten auslag. Damit endet auch eine Ära, in der sich Kundinnen und Kunden offline umfassend auf vielen Seiten über günstige Lebensmittel informieren konnten. Statt zu den 25 Millionen Prospekten, die das Unternehmen jede Woche verteilte, sollen die Kunden nun auf digitale Kanäle ausweichen, wenn Sie Geld sparen wollen. Das geht über die Rewe-App (die Daten sammelt), den Newsletter oder die Website.

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Ein Rewe-Sprecher schreibt auf Nachfrage, dass auch noch TV, Radio, Plakate und Zeitungsanzeigen über die „300 attraktiven Sonderangebote“ informiere. Papier-Prospekte werden jedoch überhaupt keine mehr in den Märkten ausgelegt, bestätigt er. Der Schritt kommt dem Klima zugute: Mehr als 73.000 Tonnen Papier, 70.000 Tonnen CO2 und 1,1 Millionen Tonnen Wasser spare das Unternehmen nach eigenen Angaben ein. Wer aber kein Smartphone oder Internet hat und sich umfassend über Angebote informieren will, ist aufgeschmissen.

Beispiel IV: Arzttermine und Terminbuchungen

Dagmar Hirche muss nicht lange nachdenken, wenn sie nach dem einschlägigsten Beispiel für Digitalzwang im Gesundheitswesen gefragt wird. Die Unternehmerin, die Schulungen für Smartphone und Co. für ältere Menschen anbietet, erzählt, wie ihr Telefon während der Corona-Pandemie fast pausenlos klingelte: „Anfangs sollten sich ja die über 80-Jährigen impfen lassen. Das Problem war: Die Telefone waren überlastet und Termine gab es nur online. Die älteren Menschen riefen weinend bei mir an, hatten Angst um ihr Leben und wussten nicht, wie diese Impftermine gebucht werden können.“

Corona stieß eine Entwicklung an, die für die Digital-Affinen eine Erleichterung ist, Menschen ohne Internet und Smartphone aber in die Verzweiflung treibt: Arztpraxen regeln ihre Terminvergabe zunehmend digital – manche sogar ausschließlich. Das beobachtet auch Rena Tangens anhand der Beschwerden des „Digitalzwang-Melders“. Die Datenschützerin sagt: „Betroffen davon sind keinesfalls nur Senioren. Es sind auch Menschen, die aus finanziellen Gründen kein Smartphone haben. Und es sind solche, die sich sehr gut mit der Technologie der großen Anbieter auskennen und aus Sorge um die eigenen Daten auf die Systeme verzichten.“

Der Soziologe Jan-Felix Schrape beobachtet, dass ganze gesellschaftliche Gruppen während der laufenden digitalen Transformation aus dem Blick geraten sind. „Senior:innen und randständige Milieus spielen in vielen politischen und gesellschaftlichen Fragen der Digitalisierung kaum eine Rolle.“ Er vermutet, das liege an der vorherrschenden Wahrnehmung, Deutschland sei in Sachen Digitalisierung auf einer Nachholposition. Allen voran die FDP drücke aufs Tempo, dadurch fehle die Zeit „eine Art Interessenausgleich zu diskutieren oder tatsächlich zu sehen, welche Gruppen marginalisiert sind“. Der Verein Digitalcourage leitet daraus eine klare Forderung ab: Im Grundgesetz brauche es ein „Grundrecht auf ein analoges Leben“.

https://www.reporterdesk.de/gesellschaft/digitalzwang-deutschland-grundrecht-analog-smartphones-probleme

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